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Was vor vielen Jahren in der breiten Bevölkerung überhaupt kein Thema war, hat mittlerweile Einzug in ganz normale Unterhaltungen gefunden: die Psychologie.
Burnout, Depressionen, getriggert, hochsensibel, Trauma, Prokrastination, Narzissmus etc. sind mittlerweile Begriffe, mit denen fast jeder etwas anfangen kann. Psychische Erkrankungen oder Lebenskrisen, Mental health, dürfen – nein, müssen – Einzug in die Gesellschaft finden, weil sie jede und jeden von uns treffen können. Ich finde das toll. Einerseits.
Was ich auf der anderen Seite erlebe, ist, dass ganz normale persönliche Eigenheiten, Ereignisse oder schwierige Zeiten „gelabelt“ werden mit Begriffen, die eigentlich einen medizinischen Hintergrund haben. Diagnostiziert werden sollten. Und behandelt.
Ein Burnout oder eine Depression sind mehr als eine blöde Phase. Ein Trauma ist ein einschneidendes Erlebnis und nicht bloß der eine oder andere Erziehungsfehler unserer Eltern. Und ein Trigger kann heftigste Emotionen auslösen, basierend auf erlebter Gewalt oder Extremsituationen.
Warum werden die oben genannten Begriffe aber so inflationär verwendet? Zum einen: sie hören sich besser an. „Ich glaube, ich habe ein Burnout“ klingt anders als „Mir wächst alles über den Kopf“, „getriggert“ wirkt eleganter als „genervt“ Wie es sich mit Narzissmus und toxischen Beziehungen verhält, dazu habe ich sogar schon einen extra Artikel geschrieben ;-)
„Wie kann sie nur?“ werden sich jetzt manche fragen. Und eines möchte ich ganz klar ausdrücken: ich nehme alle Befindlichkeiten eines Menschen sehr ernst. Es geht mir nur darum, schwierige Phasen, Charaktereigenschaften oder auch persönliche Schwächen deutlich abzugrenzen von tatsächlichen pathologischen, also krankhaften Beeinträchtigungen.
Mit Fachausdrücken zu jonglieren hat aus meiner Sicht zwei Auswirkungen: zum einen relativiert man damit wie erwähnt die sehr ernst zu nehmenden Krankheiten wie Burnout oder Depression. Erkrankte werden womöglich weniger ernst genommen, wenn sie zur „Volkskrankheit“ gemacht werden, die fast jeder schon erlebt hat.
Zum anderen kann es sein, dass dadurch die Selbstverantwortung, also der eigene Einfluss auf das Befinden, weniger ernst genommen wird. Zur Verdeutlichung: eine schwierige Phase kann ich aus eigener Kraft überwinden, auch Wesenszüge, die wir uns durch Erlebnisse in unserer Kindheit angewöhnt haben, können wir mit Selbstreflexion abschwächen oder verschwinden lassen – im Gegensatz zu einer krankhaften psychischen Veränderung.
Persönliche Schwächen mit vermeintlichen Traumata aus der Kindheit zu erklären lagert also die Verantwortung für das eigene Handeln aus. Ganz provokant gesagt werden hier Ausreden benutzt, um sich nicht mit den eigenen Defiziten auseinandersetzen zu müssen, und vielleicht auch um mehr Verständnis vom Gegenüber zu erhalten.
Abschließend möchte ich nochmals erwähnen, dass ich es natürlich als eine wahnsinnig positive Entwicklung ansehe, dass sich Menschen mehr und mehr mit sich, mit ihrer Psyche und mit ihrem Erleben auseinandersetzen. Eine „Etikettierung“ wie beschrieben kann das Problem allerdings auch unnötig vertiefen oder künstlich am Leben erhalten.
Wie sind deine Erfahrungen mit diesem Thema? Lass mich gerne daran teilhaben!