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Familiengeheimnisse

Familiengeheimnisse

Sonntag, November 5, 2023

Gerade eben habe ich ein Buch fertig gelesen mit dem Titel „ Was ich nicht gesagt habe“. Es handelt von der Familiengeschichte eines Mannes, der in seinen Vierzigern herausfindet, dass er durch eine Samenspende gezeugt wurde. Um ihren Sohn zu schützen, und um ihm unangenehme Gefühle zu ersparen, verheimlichten ihm seine Eltern die Wahrheit.

Über Jahrzehnte hat er sich gefragt, warum zwischen seinem vermeintlichen Vater und ihm eine fühlbare Mauer stand, konnte aber keine Erklärung dafür finden. Erst nach dem Tod des Vaters konnte er das Familiengeheimnis lösen und dadurch Erleichterung finden. Geblieben war jedoch das Gefühl, dem Mann, der ihn großgezogen und auch sehr geliebt hatte, niemals wirklich nahe gewesen zu sein.

Geheimnisse. Gerade im familiären Umfeld werden oft aus Angst, aus fehlinterpretiertem Schutzgedanken, aus hilfloser Sprachlosigkeit elementare Dinge verschwiegen oder versteckt: Adoptionen, Väter, die nicht die biologischen Väter sind, selbst erlebte Gewalt, psychische Erkrankungen, Alkoholismus, Suizide, Straftaten, u.v.m.

Häufig aus dem Grund, um andere Familienmitglieder zu schützen, um die Fassade einer heilen Familie zu erhalten, um Dinge, die für einen selbst nicht erklärbar sind, nicht erklären zu müssen. Und man sollte meinen, wenn die Geheimhaltung einem guten Zweck dient, hat sie auch positive Auswirkungen auf die betroffenen Personen. Denkste.

Viele meiner Klientinnen und Klienten kommen gerade deshalb zu mir, weil sie spüren, dass in ihrem Familiensystem etwas nicht stimmt. Das Bauchgefühl weiß, dass etwas nicht Greifbares in der Luft liegt. Wenn die eigen Eltern oder enge Familienzugehörige dann jedoch sagen, das sei „Blödsinn“, oder „das bilde man sich ein“, geht das Vertrauen in die eigene Intuition verloren. Die Seele arbeitet sich gar jahrzehntelang ab an etwas, das man zwar spürt, aber das nicht sein darf.

Zusätzlich ist es häufig so, dass das Geheimnis mit der Zeit immer größer wird, immer mehr Platz einnimmt und so die einzelnen Menschen voneinander entfernt. Und wenn das, was so lange im Verborgenen geblieben ist, irgendwann einmal doch ans Licht kommt, liegen nicht selten ganze Familiensysteme in Scherben. Der Vertrauensverlust, die Lüge, wiegt zu schwer.

Auch Geheimnisse, die zwar innerhalb der Familie bekannt sind, aber um keinen Preis der Welt nach außen dringen dürfen, belasten viele Betroffene immens. Alleine die Tatsache, dass es in der Familie etwas gibt, das anscheinend so schlimm ist, dass niemand etwas davon wissen darf, lädt Schuld und Scham auf diejenigen, die diese Last tragen sollen.

Eine junge Frau, die durch Zufall erfahren hat, dass sie ebenfalls durch eine Samenspende gezeugt wurde, berichtet auf der Plattform www.spenderkinder.de, dass ihre Eltern sie nach dem Auffliegen beschworen hatten, niemandem etwas davon zu erzählen. Sie sagt sinngemäß, dass ihre Eltern dadurch von ihr verlangten, einen Teil ihrer Identität, ihrer Herkunft zu verleugnen. Als wäre es eine Schande und etwas, wofür man sich schämen müsse, dass sie überhaupt existiere.

Was aber rate ich nun Betroffenen? Menschen, die ahnen, dass es Geheimnisse, Unausgesprochenes, Verdrängtes in ihrer Familie gibt? Auf jeden Fall, dennoch ihrem Gefühl zu trauen, für sich selbst auch „dran“ zu bleiben, Licht ins Dunkel zu bringen. Sich nicht einzufügen in das Geflecht aus Schweigen und Lügen.

Und denjenigen, die ein Geheimnis schon lange für sich behalten und fürchten, es auszusprechen könnte ihre ganze Welt ins Wanken bringen, möchte ich die Frage stellen, wie stabil ihre Welt denn tatsächlich MIT dem Geheimnis, und ob die ganze Wahrheit vielleicht nicht doch eher Erleichterung sein kann.

Allen Betroffenen rate ich auf jeden Fall, sich Unterstützung zu suchen, den Weg nicht alleine zu gehen. Solltest vielleicht du selbst schwer an einem Geheimnis tragen, oder du vermuten, dass es in deiner Familie Unausgesprochenes gibt, kontaktiere mich bitte gerne für eine Terminvereinbarung!

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